27. Mai 2010 17Uhr
IMM Studio A 2.24
Marc Matter über Konkrete Poesie und Lautpoesie
Marc Matter spricht anhand zahlreicher Ton- und Bildbeispiele über Konkrete Poesie und Lautpoesie (oder Poesie Sonore, wie Henri Chopin, Pionier dieses Genres, es nannte) – Sprach-Experimente zwischen experimenteller Literatur, bildender Kunst, abstrakter Grafik und Avantgardemusik, die symptomatisch für die Nachkriegs-Avantgarde stehen.
Konkrete Poesie ist eine radikale Form experimenteller Literatur in Klang und Schrift (bzw. Bild), die spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts praktiziert wird und in der Nachkriegsavantgarde ab Ende der 1950er Jahre voll aufblüht. Verschiedene Künstler und Gruppen greifen u.a. in Paris, Stockholm, Köln, Stuttgart, Brasilien, Italien und in Osteuropa die Avantgarde-Tradition von Dadaismus und Futurismus auf, um unter dem Etikett der Konkreten Poesie eine radikale Abstraktion und mitunter komplette Verweigerung von Sinn und Bedeutung in Sprache und Text zu praktizieren. Akustisch spielen hierbei die menschliche Stimme sowie Tonbandgeräte und Studio-Effekte die Hauptrolle. Im visuellen Bereich werden Buchstaben und typografische Elemente zu Bildern oder abstrakten Mustern montiert - die Einflüsse sind auch heute noch im zeitgenössisch avancierten Grafikdesign oder auch immer wieder in der bildenden Kunst relevant.
In Marc Matters Vortrag wird der Bogen von frühen Beispielen konkreter Poesie Ende des 19. Jahrhunderts über die Blütezeit (Ende 1950er bis MItte der 1970er) bis zu aktuellen Positionen konkreter Poesie gespannt – non-linear, subjektivistisch und modular. Ein Schwerpunkt wird dabei auf der periodischen Publikation Revue OU liegen, eine vom französischen Querdenker Henri Chopin zwischen 1964 und 1974 herausgegebene Kompilation, welche Kulminationspunkt verschiedener Avantgarde-Strömungen der Nachkriegszeit war. Zu dieser multimedialen Wundertüte, die neben einer Schallplatte jeweils Poster, Siebdrucke oder auch aufwendige Papierbasteleien enthielt, haben neben vielen Anderen auch der Schriftsteller William S. Burroughs, der Musiker John Cage und der Künstler Ben Vautier beigetragen.
Marc Matter ist Gründungsmitglied der Künstlergruppe INSTITUT FUER FEINMOTORIK, die vor allem mit experimentellen Klang-Performances, aber auch durch visuelle Arbeiten, kuratorische Aktivitäten, Workshops und Vorträge in Erscheinung tritt. 2005 erschien das "Feinmotorik Kompendium", ein Künstlerbuch in Form eines Lexikons, Ende 2009 erschien das abstrakte Hörspiel "Radio Imitat" auf CD; eine neue LP mit Musik der Gruppe erscheint in Kürze. Daneben arbeitet er seit einigen Jahren im Düsseldorfer Salon des Amateurs, wo er einen Teil des Programms organisiert. Er war Gastkurator in der Shedhalle Zuerich, hat experimentelle Hörstückee produziert, in einem Wanderkino in der Schweiz gearbeitet, hat sich an Experimentalfilmen und Musikclips versucht, produziert abseitige Clubmusik und improvisiert mit Geräuschmusikern, jobbt als Gelegenheitsgrafiker und Textproduzent, und forscht nebenbei über alle möglichen Randgebiete der Kunst und Kultur des 20. Jahrhunderts.

